Wer unter hartnäckigen Nackenverspannungen leidet, kennt das Gefühl: Der Muskel selbst scheint gar nicht das Problem zu sein – die Verhärtung sitzt tiefer. In der Praxis von Dr. Sielmann rückt dabei zunehmend ein Gewebe in den Fokus, das lange wenig Beachtung fand: die Faszie.
Was sind Faszien überhaupt?
Faszien sind Bindegewebsstrukturen, die Muskeln und Organe umhüllen. Sie bestehen aus unterschiedlich dicht angeordneten Kollagenfasern, elastischen und retikulären Fasern sowie Bindegewebszellen und durchziehen den Körper wie ein feines Geflecht. Der Faszienforscher Prof. Robert Schleip hat sich intensiv mit diesem Gewebe beschäftigt und maßgeblich dazu beigetragen, dass Faszien heute stärker in der Therapie beachtet werden.
Warum Faszien sich "hart" anfühlen können
Wird ein Muskel dauerhaft belastet, vermehren sich die Kollagenfasern der umgebenden Faszie – und diese binden Wasser. Man kann es sich wie einen Feuerwehrschlauch vorstellen: voll Wasser ist er prall und hart, entleert lässt er sich leicht zusammenrollen. Um beanspruchte Muskeln bilden sich auf ähnliche Weise wasserreiche Strukturen, die sich als Verhärtung ertasten lassen.
Der Musculus levator scapulae und der Reflex der hochgezogenen Schultern
Ein Muskel, der im Nackenbereich besonders häufig betroffen ist, ist der Musculus levator scapulae. Er verläuft vom ersten bis vierten Halswirbel zum inneren Schulterblattwinkel. Reflexartig ziehen wir diesen Muskel an, wenn uns kalt ist oder wenn wir angespannt sind – die bekannte Geste der an die Ohren gezogenen Schultern. Bleibt dieser Reflex über längere Zeit "eingefroren", kann der Muskel dauerhaft verspannt bleiben.
Manuelle Arbeit statt Faszienrolle
Für viele Körperregionen gibt es spezielle Faszienrollen. Für den empfindlichen Halsbereich fehlt jedoch ein vergleichbares Hilfsmittel – hier bleibt die manuelle Behandlung mit den Fingern die naheliegende Methode: Man beginnt am Atlaswirbel und ertastet mit Mittelfinger oder Daumen die seitlichen und hinteren Bereiche des Halses. An Stellen, die sich verhärtet anfühlen, bleibt man mit sanftem, aber bestimmtem Druck, bis sich das Gewebe weicher anfühlt.
Ergänzung durch Medi-Tape
Wird nach der manuellen Behandlung weiterhin ein Spannungsgefühl wahrgenommen, wird in der Praxis häufig zusätzlich ein elastisches Medi-Tape eingesetzt – meist in Grün beidseits über den Musculus levator scapulae, ergänzt durch einen LWS-Stern zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Mit jeder Bewegung entsteht so eine leichte Massage des Muskels durch das Tape selbst.
Warum die Halswirbelsäule so beweglich – und anfällig – ist
Verdreht sich das Kreuzdarmbeingelenk (ISG), gleicht die gesamte Wirbelsäule diese Verdrehung aus – die sehr bewegliche Halswirbelsäule übernimmt dabei einen großen Teil dieses Ausgleichs, was erklären kann, warum sie besonders häufig verspannt. Mehr zum Zusammenhang zwischen Beckenverdrehung und Beinlänge finden Sie in unserem Beitrag zur Beinlängendifferenz.
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt die Beobachtungen und den Erfahrungsansatz aus der Praxis von Dr. Sielmann und stellt kein Heilversprechen dar. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden, starken oder neurologischen Beschwerden (z. B. Taubheitsgefühle, Schwäche, Schwindel) sollte immer ärztlicher Rat eingeholt werden.