Fehlhaltungen im Büro, langes Sitzen oder ungewohnte körperliche Belastungen beanspruchen vor allem die Lendenwirbelsäule und die Rückenmuskulatur. Ein gezielt angelegtes kinesiologisches Tape kann dazu beitragen, die Körperhaltung zu unterstützen, die Muskel- und Gelenkausrichtung zu begleiten sowie das Gewebe sanft zu entlasten. Dieser Artikel zeigt, wie Sie die Rücken- und Rumpfmuskulatur fachgerecht tapen und welche Techniken sich besonders bewährt haben.
1. Besonderheiten beim Tapen von Rücken und Rumpf
Im Vergleich zu den Extremitäten erfordert das Tapen des Rückens besondere Sorgfalt bei der Vorbereitung und Ausführung:
- Partnerunterstützung dringend empfohlen: Da der untere und mittlere Rücken selbstständig kaum faltenfrei erreichbar ist, sollte die Anlage von einer zweiten Person durchgeführt werden.
- Dehnung durch Vorbeugen (Ventralflexion): Damit das Tape seine volle Flexibilität entfaltet, beugt sich die zu tapende Person während des Anmessens und Anbringens leicht oder vollständig nach vorne.
- Der Hautfalteneffekt: Kehrt die Person nach dem Aufkleben wieder in die aufrechte Position zurück, zieht sich das elastische Material zusammen. Die dabei sichtbaren kleinen Hautfalten zeigen an, dass der sanfte Lifting-Effekt der Hautschichten aktiv ist.
2. Tonisierende vs. detonisierende Anlagetechniken
In der kinesiologischen Taping-Praxis wird zwischen zwei grundsätzlichen Wirkungsrichtungen unterschieden:
- Detonisierend (spannungssenkend): Wird angewendet, um überbeanspruchte oder verspannte Muskeln zu entlasten. Das Tape wird in der Regel vom Muskelansatz zum Muskelursprung (häufig von oben nach unten bzw. kaudal) mit sehr geringem Zug (ca. 10 %) auf die vorgedehnte Haut gelegt.
- Tonisierend (spannungserhöhend): Dient der Aktivierung schwacher oder geschwächter Muskelstrukturen. Die Anlage erfolgt vom Muskelursprung zum Ansatz.
3. Schritt-für-Schritt: Entlastung der Lendenwirbelsäule (Rückenstrecker)
Diese klassische Muskelanlage verläuft entlang der autochthonen Rückenmuskulatur (M. erector spinae) links und rechts der Wirbelsäule.
Benötigtes Material:
- 2 gleich lange I-Tapes (oder 2 Y-Tapes)
- Eine helfende Person
Durchführung:
- Ausgangsposition: Die Person stellt sich hüftbreit hin und beugt den Oberkörper weit nach vorne ab (Hände z. B. auf die Knie stützen), um die Lendenwirbelsäule und die Rückenmuskulatur maximal vorzudehnen.
- Erster Streifen (links der Wirbelsäule): Der Anker des ersten I-Tapes wird auf Höhe des Kreuzbeins/Gesäßansatzes ohne Dehnung angebracht. Der Streifen wird parallel zur Wirbelsäule (paravertebral) mit minimalem Zug (ca. 10 %) nach oben in Richtung Brustwirbelsäule geführt. Das obere Ende wird wieder völlig dehnungsfrei angebracht.
- Zweiter Streifen (rechts der Wirbelsäule): Der Vorgang wird symmetrisch auf der rechten Seite der Wirbelsäule wiederholt.
- Aktivierung: Beide Tapes werden in der vorgebeugten Haltung gründlich angerieben, bevor sich die Person wieder aufrichtet.
4. Schritt-für-Schritt: Punktuelle Entlastung (Spacetape / Sternform)
Ergänzend zu den Längsstreifen kann ein punktuelles Entlastungstape (Spacetape) direkt über dem Bereich des stärksten Druck- oder Spannungsempfindens angebracht werden.
Benötigtes Material:
- 3 bis 4 kurze I-Tapes
Durchführung:
- Erster Streifen (horizontal): Das Trägerpapier wird in der Mitte aufgerissen. Das Tape wird dort auf ca. 50 % gedehnt und waagerecht direkt über den zentralen Spannungspunkt an der Lendenwirbelsäule geklebt. Die äußeren Enden laufen dehnungsfrei aus.
- Gekreuzte Streifen (X-/Sternform): Ein zweites I-Tape wird senkrecht im 90°-Winkel darüber geklebt. Bei Bedarf werden zwei weitere Streifen diagonal angebracht, sodass ein gleichmäßiges Sterntape entsteht.
- Effekt: Durch die höhere Zugspannung in der Mitte hebt das Tape das Gewebe im Zentrum leicht an und schafft so Raum im darunterliegenden Areal.
5. Unterstützung der Rumpf- und Bauchmuskulatur
Nicht nur der Rücken, sondern auch die Bauchmuskulatur spielt eine wichtige Rolle für eine stabile Körperhaltung. Tapes, die von den Rippenbögen schräg nach vorne unten zum Becken geführt werden, unterstützen die schrägen Bauchmuskeln und tragen zu einer ausbalancierten Rumpfstatik bei.
6. Praxistipps für den Alltag
- Hauttest vorab: Da die Lendenregion oft durch Kleidung und Schweiß beansprucht wird, sollte die Haut vorab gründlich gereinigt und fettfrei sein.
- Kein Scheuern an der Kleidung: Alle Ecken halbrund abrunden, damit das Tape nicht an Hose oder Hemd hängen bleibt.
- Sanftes Entfernen: Das Tape am besten nach dem Duschen oder mit etwas Öl befeuchtet langsam ablösen.
Wichtige Sicherheitshinweise
- Nicht auf offene Wunden, frische Verletzungen oder stark gereizte Haut anbringen.
- Bei Jucken, Brennen, Rötung oder Unwohlsein das Tape umgehend entfernen.
- Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder physiotherapeutische Beratung. Bei anhaltenden oder starken Rücken- oder Rumpfbeschwerden wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Therapeutin bzw. einen Therapeuten.